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Rainer Innreiter ist ein erfolgreicher Kurzgeschichtenautor. Seine bevorzugte
Genres sind Horror, Fantastik, Satire. Wer über ihn mehr erfahren möchte, kann
seine Homepage besuchen: www.rainer-innreiter.at

Kurzvita
1972
Unter Missachtung des im selben Jahr publizierten Club-of-Rome-Berichts „Die
Grenzen des Wachstums“ erblickt in einem kleinen österreichischen Ort meine
Wenigkeit das Licht der Welt. Gerüchteweise hallte exakt um Mitternacht mein
erster Schrei in die Welt hinaus und wurde von Wölfen beantwortet.
1973 – 1978
Ein zügelloses, orgiastisches Leben prägt meine Kindheit. Bildung eigne ich mir
durch hochwertige Fernsehserien wie „Raumschiff Enterprise“ und „Wicky“ an.
Motto: Arbeit ist was für Versager.
1978 – 1982
La dolce Vita neigt sich dem Ende zu: Trotz heftiger Proteste muss ich der
Schulpflicht nachkommen. Wenigstens erlerne ich lesen und schreiben, was sich –
ohne an dieser Stelle zuviel verraten zu wollen – noch als nützlich erweisen
sollte.
1982 – 1986
Zu meiner größten Verblüffung und Enttäuschung stelle ich fest, dass besagte
Schulpflicht nicht mit dem zehnten Lebensjahr endet. Zähneknirschend verlängere
ich meine schulische Laufbahn um weitere vier Jahre und besuche die Hauptschule.
1986 – 1990
Der nächste Schock: Zwischen die Wahl gestellt, weiter zur Schule zu gehen oder
eine Lehrausbildung zu absolvieren, entscheide ich mich für das geringere Übel
und wechsle in ein Gymnasium, das als erstes in Österreich eine Matura mit
Schwerpunkt Informatik anbietet. Zwar hatte ich bis 1986 noch nie in meinem
Leben einen Computer gesehen, geschweige denn eine Ahnung, was genau man unter
Informatik oder EDV versteht, aber es klingt irgendwie ganz gut und die
Schulbücher sind schön bunt.
1990 – 1995
Studium der Betriebswirtschaftslehre in Linz (Oberösterreich). Über diese
monumentale Fehlentscheidung, die dem Entschluss eines Analphabeten gleichkam,
Germanistik zu studieren, möchte ich den Mantel des Schweigens ausbreiten. Da
sich zu meinem Erstaunen keine schwerreiche, 20jährige Blondine bereit erklärt,
mich zu heiraten, ringe ich mich dazu durch, mittels so genannter „ehrlicher
Arbeit“ meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Leben ist grausam und ich
verlange Satisfaktion.
2000
Nachdem ich mehrere Jahre lang jegliche schriftstellerische Ambition aufgegeben
hatte, beginne ich erneut, Kurzgeschichten zu schreiben. Angespornt werde ich
dabei von Websites, auf denen eigene Texte präsentiert werden können. Allen
Beschwörungen, Bitten und Drohungen zum Trotz nehme ich dieses Angebot in
Anspruch und verbrauche wertvollen Webspace, der für wichtigere Inhalte genutzt
werden hätte können.
2001
Endlich: Die erste Veröffentlichung meines Lebens! Mir werden üppige dreihundert
Worte zum Platzfüllen in einem SF-Magazin zugestanden. Beim Halten des
Belegexemplars werde ich von Wehmut erfasst: Bestimmt war dies die einzige
Veröffentlichung, die ich jemals erreichen würde.
2001 – heute
Glücklicherweise irre ich mich und kann inzwischen auf einige Veröffentlichungen
zurückblicken.
Aktuell etwa in der Anthologie „Arkham“.
Eine Kurzgeschichten-Sammlung mit ausschließlich eigenen Geschichten erscheint
2004 in einem deutschen Kleinverlag, der leider einige Monate später seine
Pforten schließt.
Interessierte Verlage dürfen sich ruhig bei mir melden: Ich beiße nur in der
Zeit zwischen Mitternacht und dem Grauen des Morgens.
Interview
Rainer, du schreibst überwiegend Horrorgeschichten. Wie definierst du für dich
dieses Genre?
Horror bedeutet für mich das Hinausschreien des Unaussprechlichen, das in der
„Normalität“ niemals Gegenstand von Gesprächen auf Partys ist. Zwar werden die
Schattenseiten des Lebens, wie Krankheiten, schulische Probleme oder
Liebeskummer gerne und oft thematisiert, aber auf eine Weise, die es den
Gesprächsteilnehmern ermöglicht, nicht zu tief in der Senkgrube der Angst zu
wühlen. Beim Schreiben von Horror-Literatur besteht das größte Vergnügen darin,
mit beiden Händen in diese Grube zu greifen und die abscheulichsten
Vorstellungen ans Tageslicht zu zerren. Und je eindringlicher ein Autor
schreiben kann, desto grässlicher sind diese Gedankenbilder des Grauens. In der
Welt des Horrors gibt es keinen Platz für tröstende Worte: Jeder Weg endet
unweigerlich im Abgrund.
Die Furcht, die beim Leser erzeugt wird, mag auf den ersten Blick surreal und
übertrieben erscheinen, aber im Wesentlichen trifft sie immer den Kern der
Angst. Wir wissen natürlich, dass es keine Vampire gibt, kein Monster im
Kleiderschrank auf unvorsichtige Opfer lauert, keine mutierten Riesenspinnen
hinter dem Weinregal im Keller auf den richtigen Moment zum Zuschlagen warten.
Jedoch sind sie Platzhalter für unsere intimsten Ängste – und wenn ein Autor gut
ist, wenn er wirklich gut ist, trifft er auf der Klaviatur des Schreckens exakt
die richtigen Töne, egal, welches Lied er spielt.
Mein persönliches Lied lautet meist so: „Stell dir vor, da ist ein Mensch, ein
ganz normaler Mensch, der von etwas Monströsem bedroht wird. Und nun stell dir
vor, dieser Mensch bist DU!“
Sobald man es geschafft hat, den Leser davon zu überzeugen, dass er in der Haut
des Protagonisten steckt, hält man ihn fest in den Armen und wiegt sich mit ihm
im bizarren Takt der eisigen Klänge des Grauens….
Wie bist du dazu gekommen, Horrorgeschichten zu schreiben? Hast du selbst vor
irgendetwas Angst?
Was mich dazu bewegt hat, mit dem Schreiben von Horrorgeschichten zu beginnen,
ist lapidar und vermutlich vielen vertraut: Nach der Lektüre zahlreicher Bücher
des Genres setzte sich in mir die Überzeugung fest, dass ich das genauso gut
könne wie einige etablierte Autoren. Genauso gut, wenn nicht sogar weitaus
besser. Heute schüttle ich natürlich über meine Naivität den Kopf, aber damals
war ich tatsächlich felsenfest davon überzeugt, dass es ja wohl kaum so schwer
sein könne, ein paar Seiten zu Papier zu bringen. Wie wenig ich doch wusste, und
wie viel ich noch zu lernen hatte.
Ob ich vor etwas Angst habe? Um ein weiteres Klischee vollauf zu erfüllen: Ich
bin geradezu von Ängsten ausgehöhlt und von Furcht innerlich zerfressen. In
erster Linie entsetzen mich Gedanken an schreckliche Krankheiten oder das Darben
in Einsamkeit und Elend. Davon abgesehen sind Spinnen eine echte Herausforderung
an mein Nervenkostüm. Überflüssig zu erwähnen, dass ich manchmal das Gefühl
habe, die gesamte heimische Fauna bestehe quasi nur aus ekelhaften Spinnen. Der
beste Horrorautor ist immer noch Mutter Natur.
Liest du viel?
Dem Schreiben geht selbstverständlich das Lesen voran. Ehe man das Fahrradfahren
erlernt, muss man schließlich auch dessen Funktionsweise kennen, um nicht gleich
wieder runterzufallen. Dass ich von Anfang an bevorzugt Storys aus dem
Phantastik-Bereich schrieb, ist logischerweise auf einschlägige Literatur
zurückzuführen, die ich begeistert gelesen habe. Dabei haben sich Stephen King,
H. P. Lovecraft, Philip K. Dick und Ray Bradbury als meine liebsten Vertreter
der Phantastik im weitesten Sinn herauskristallisiert. Allerdings las bzw. lese
ich nicht nur Horror- und SF-Werke, sondern stehe grundsätzlich allem offen
gegenüber, das mir interessant erscheint. Besonders angetan haben es mir die
Wissenschafts-Thriller von Michael Crichton, dessen Recherche-Arbeiten
beeindrucken. Wenngleich ich anmerken muss, dass die meisten seiner Romane
meiner Ansicht nach vor allem stilistisch wie auch in der Charakterzeichnung
verbesserungsfähig wären. Aber was rede ich da: Der Mann weiß schon, was er tut.
Was war bisher dein größter Erfolg?
Ich würde nun gerne von meiner allerersten richtigen Geschichte schwärmen, wenn
mir nicht alleine der Gedanke an dieses wirklich üble Klischeetopia die
Schweißperlen über die Stirn jagen würde. Aber natürlich war sie für mich ein
großer persönlicher Erfolg, denn es war die erste, noch dazu sehr lange
Geschichte, die ich geschrieben hatte. Deshalb erachte ich einige meiner
Veröffentlichungen als meine größten Erfolge, etwa zuletzt mein Kurzgeschichte „Phantasmagoria“
in der meinem Idol gewidmeten Lovecraft-Anthologie Arkham (erschienen im
Basilisk-Verlag).
Vor zwei Jahren war in einem deutschen Kleinverlag eine Sammlung mit rund einem
Dutzend meiner Kurzgeschichten aus dem Fantastik-Bereich erschienen. Leider
stellte der Verlag kurze Zeit später seinen Betrieb ein. Und, nein: Es besteht
da keinerlei Zusammenhang… Trotzdem bin ich auf diese Kurzgeschichtensammlung
stolz und hoffe, dass sich bald wieder ein Verlag findet, der das Risiko eingeht
und einem Nachwuchs-Autor die Chance zur Profilierung gibt.
Schreibratgeber. Einige verteufeln sie, andere schwören darauf. Was hältst du
davon?
Ich könnte mir vorstellen, dass es für junge, angehende Autoren durchaus
nützlich ist, sich durch den einen oder anderen Ratgeber zu wühlen. Persönlich
würde ich keinen zur Hand nehmen, und zwar deshalb nicht, weil ich inzwischen
bereits einige Jahre Schreiberfahrung habe und durch die härteste Schule
gegangen bin: Die der ehrlichen, schonungslosen Kritiken.
Hast du auch Absagen bekommen? Wenn ja, wie gehst du damit um?
Eigentlich müsste man die Frage anders stellen: Hast du auch mal keine Absagen
bekommen?
Ich kann aus eigener, leidvoller Erfahrung verstehen, wenn gerade junge Autoren
frustriert sind ob der vielen Absagen. Und ich habe da wirklich alle Abstufungen
kennen gelernt: Von der vorgefertigten Standardabsage bis hin zu nachgerade
beleidigenden, fast vorwurfsvollen Absagen, die einen an der Gurgel zu packen
versuchen und brüllen: „Wie kannst du Wurm es wagen, mich zu belästigen?“
Mit der Zeit wird die Haut dicker und die hundertste Absage schmerzt viel
weniger als die erste oder zweite. Die Erfahrung lehrt mich, dass man aus allem
versuchen sollte eine Lehre zu ziehen. Ich habe anfangs jeden, absolut jeden
möglichen Fehler bei der Verlagssuche begangen. Und gerade diese Erfahrung
möchte ich heute nicht mehr missen, da sie mich reifen hat lassen. Deshalb würde
ich jedem Autor, der am Anfang seiner Schreibkarriere steht, raten, nicht zu
verzweifeln oder gar aufzugeben. Wenn man die Biographien der bekanntesten
Autoren durchliest, wird man einen gemeinsamen Nenner finden: Jeder von ihnen
musste sich den Erfolg hart erarbeiten. Remarques „Im Westen nichts Neues“ wurde
von dutzenden Verlagen abgelehnt und angeblich warf Stephen King das Manuskript
zu seinem ersten veröffentlichten Roman „Carrie“ aus lauter Frust in den
Papierkorb. Wobei ich dies nicht als Aufforderung verstanden wissen will,
Manuskripte zum Altpapier zu befördern….
Du hast schon viele Kurzgeschichten veröffentlicht. Planst du auch einen
Roman?
Ich habe bereits zwei Romane geschrieben: Einen grandios misslungener
Horror-Thriller sowie einen Experimental-Roman, der sperrig genug ist, um einen
Staudamm zu ersetzen. Konkrete Planungen für einen neuen Roman gibt es momentan
nicht, da ich mir mit Kurzgeschichten mehr Chancen auf Veröffentlichungen
ausrechne denn mit einem Roman.
Wie gehst du mit Kritik um?
Kritik ist unabdingbar zum Verbessern der schriftstellerischen Fähigkeiten.
Allerdings muss man auch hierbei einen Lernprozess durchmachen: Manche Kritiken
zielen darauf ab, den Text oder gar den Autor lächerlich zu machen; andere sind
wiederum dermaßen nebulös formuliert, dass der Autor nur darüber rätseln kann,
was ihm der Kritiker mitteilen wollte. Das mag anfangs verwirrend und mitunter
schmerzhaft sein. Aber man lernt rasch zu unterscheiden zwischen hilfreichen und
eventuell sogar gut gemeinten, leider jedoch wenig gehaltvollen Kritiken.
Dringend abraten möchte ich davon, sich eine dermaßen dicke Haut zuzulegen, dass
man kritikresistent wird und auf gar kein Feedback mehr reagiert.
Mein Rat an andere Hobby-Autoren: Haltet immer ein Ohr offen und richtet es in
die Richtung guter Textkritiken. Und bitte fasst Kritik an euren Geschichten
nicht als Kritik an euch persönlich auf!
Musst du für deine Geschichten viel recherchieren?
Für die meisten Geschichten – ich schreibe ja beileibe nicht nur
Fantastik-Storys, sondern auch Satiren oder gesellschaftskritische Texte –
benötige ich keinerlei Recherchen. Bei manchen Geschichten benötige ich aber
Hintergrundinformationen. Das Internet ist hierbei natürlich ein wahrer Segen
und erleichtert die Suche und das Herausfiltern wertvoller Informationen enorm.
Dabei bevorzuge ich es, noch vor dem Plotten alle relevanten Informationen in
einer eigenen Datei zusammenzufassen und auf diese im Laufe der Geschichte
zurückzugreifen. Natürlich sind Recherchen oft mit hohem Zeitaufwand verbunden.
Aber es lohnt die Mühe, denn es zeigt dem Leser, dass der Autor sich ernsthaft
mit der Materie auseinandergesetzt hat.
Eine etwas banale Frage: Warum schreibst du?
Anfangs schrieb ich ganz klassisch im stillen Kämmerchen, nur für mich allein.
Als ich dann vor ein paar Jahren das Internet entdeckte, begann ich, meine Texte
auf Literaturportalen einer größeren Anzahl Lesern zu präsentieren. Ich hätte
jedoch nicht einmal davon zu träumen gewagt, dass auch nur einer meiner Texte
irgendwo abgedruckt werden würde. Inzwischen sind es doch einige
Veröffentlichungen geworden, mit denen ich aber weder das große Geld, noch Ruhm
und Ehre kassiert habe. Meine Zielsetzung ist auch weiterhin ganz bescheiden:
Ich will den Leser unterhalten, ihn im günstigsten Falle ein, zwei Stunden aus
seinem Alltag herausreißen und in meiner Gedankenwelt versinken lassen.
Natürlich wäre ich bezahlten Veröffentlichungen oder gar einem Vertrag bei einem
der großen Verlagshäuser nicht abgeneigt. Doch ich bin Realist genug, um zu
wissen, dass ich wie das Gros der Hobby-Autoren vermutlich niemals zu den
bekannten, etablierten Autoren aufrücken werde. Wobei ich mich natürlich nicht
gerade grämen würde, falls ich mich irren sollte.
Vielen Dank für das Gespräch, Rainer!
Das Gespräch führte Olga A. Krouk ( www.olgakrouk.de )
Das Interview unterliegt dem Copyright. Die weitere Verbreitung ist nur mit der
schriftlichen Zustimmung von Rainer Innreiter oder Olga A. Krouk erlaubt.
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