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Interview mit Michael Buttler (Kurzgeschichtenautor) PDF Drucken E-Mail
Autoren-Interviews
Geschrieben von Olga A. Krouk   
Freitag, 6. Juni 2008

Michael Buttler ist ein erfolgreicher Kurzgeschichtenautor. Zu seinen Genres gehören vor allem Mystik und Fantastisches. Seine Stories sind inzwischen in solchen Anthologien wie „Das Mädchen aus dem Wald“, „Die Frau hinter der Tür“ und vielen anderen erschienen. Mehr über den Autor kann man auf seiner Homepage www.michael-buttler.de erfahren.


Kurzvita
Michael, im Januar 1968 geboren, wohnt mit seiner Familie und Haustieren im Rhein-Main-Gebiet. Dort arbeitet er als Bankkaufmann. Seine ersten Geschichten wurden Anfang der Neunziger veröffentlicht. Sie spielten zunächst ausschließlich im fantastischen Genre. Mittlerweile hat er auch den ganz „normalen“ Weltschmerz für sich entdeckt, greift bei seinen Geschichten jedoch immer wieder gerne auf die Fantastik zurück.

Interview

Michael, du bist inzwischen ein erfolgreicher Kurzgeschichtenautor. Wie reagieren (haben reagiert) deine Familie und Freunde darauf, dass du ein Schriftsteller bist?


Ich brauchte lange, um jemandem von meiner Schreiberei zu erzählen. Es ist wichtig, wem man davon erzählt und wann. Neuigkeiten dieser Art gehen bei bestimmten Leuten herum wie ein Lauffeuer und nicht jeder Verwandte und Bekannte reagiert so, wie man es erwartet und erhofft. Bei Freunden sollte man sich „sicher“ fühlen, das liegt in der Natur der Freundschaft. Für die Akzeptanz ist ein noch so kleiner aber nachweisbarer Erfolg sehr hilfreich.
Meine Frau ist sehr verständnisvoll, wenn man bedenkt, dass ich viel Zeit mit dem Computer verbringe und ich sie immer wieder nötige, meine Texte zu lesen und auch noch etwas dazu zu sagen. Auch freut sie sich mit mir, wenn ich mal wieder einen Text unterbringen kann.
Bei meiner mittlerweile 11-jährigen Tochter stößt meine Schreiberei auf Interesse. Sie hat nun ebenfalls angefangen eine Geschichte zu schreiben.
Meine Eltern halten sich mit Äußerungen eher zurück. Das liegt wohl an unseren unterschiedlichen Geschmäckern.
Mein Freund steht der Sache sehr aufgeschlossen gegenüber. Ein Teil meiner Geschichten gefallen ihm sogar, zumindest sagt er das. „Irgendwann einmal kann ich stolz sagen: Mit dem Kerl bin ich zusammen zur Schule gegangen.“ Das ist seine mittlerweile standardisierte Antwort, wenn ich ihm wieder von einem Erfolgserlebnis erzähle.
Nach meinen Erfahrungen sind Bekannte, die ebenfalls einer kreativen Tätigkeit nachgehen, sehr gute Gesprächspartner über die böse Welt, die den Künstler nicht ernst nimmt und verlacht. Zeichner, Maler (nicht Anstreicher) oder die Tante, die einen Töpferkurs besucht bieten sich hierzu hervorragend an.

Deine aller-aller-erste Geschichte. Erzähle uns ein wenig darüber.

Es war irgendwann zwischen meinem 8. und 10. Geburtstag, als ich meine erste Geschichte schrieb. Wenn ich angeben wollte, könnte ich sogar sagen, es handelte sich um ein Bilderbuch, dessen äußere Form allerdings eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem ausrangiertem Schulheft hatte. Die Handlung war sehr einfach: Da war ein Mann, der einfach seinen Tag verbrachte, der dies und jenes tat. Zum Beispiel ging er in den Park und fütterte Enten; ein richtig spannender Plot also. Ich weiß nicht einmal, ob die Geschichte ein Ende hatte. Dazu schnitt ich aus einem alten Versandhauskatalog und aus Zeitschriften meiner Mutter passende Bilder aus und klebte sie ein. Vielleicht malte ich auch zwei oder drei Bilder selbst.

Wenn dir eine Idee kommt, wie arbeitest du dich vor, bis daraus eine gute Story wird?

Das ist unterschiedlich und nicht immer kommt dabei eine gute Geschichte heraus. Zumeist habe ich eine Anfangsidee oder ein bestimmtes Bild vor Augen. Ab dann gibt es zwei Vorgehensweisen.
Manchmal versuche ich, den Verlauf der Geschichte im Voraus zu planen. Dabei stellte sich heraus, dass 1. mir häufig kein guter Schluss einfällt, weil die Geschichte mir selbst zu konstruiert vorkommt und sich 2. bei der Umsetzung sowieso alles anders entwickelt als im Konzept vorgesehen.
Meistens schreibe ich dieses Bild auf und gebe ihm die Freiheit, sich selbst zu entwickeln. Auf diese Weise entsteht das nächste Bild und so weiter. Ein gutes Ende kommt dabei häufig von ganz alleine. Diese Kurzgeschichten sind bislang die erfolgreichsten. Deshalb bevorzuge ich diese Methode.
Warum ich ab und zu wieder auf eine (potenziell erfolglose) Planung zurückgreife, kann ich selbst nicht sagen. Vielleicht ist es der Wunsch, auch einmal in so genannten geordneten Verhältnissen etwas Gutes zu Stande zu bringen.
Für längere Texte halte ich es allerdings für sehr wichtig, einen Plan zu haben, sonst hat man sich sehr schnell in der Handlung verstrickt und verliert den roten Faden der Geschichte. Wenn es sich ergibt und es sinnvoll ist, kann man den weiteren Verlauf auch bei einer geplanten Geschichte immer noch modifizieren.
Generell muss aber jeder für sich ausprobieren, wie er am Besten beim Schreiben zurecht kommt. Da kann es keine Empfehlung geben, denn wie in allen anderen Dingen sind wir auch hier verschieden.

Wie gehst du beim Überarbeiten vor? Wwas würdest du dabei jungen Autoren empfehlen?

Überarbeiten ist mehr als nur die Suche nach Rechtschreibfehlern.
Zuerst stelle ich mir die Frage, ob die Geschichte in sich schlüssig ist, ob sie funktioniert und das ausdrückt, was ich von ihr erwarte. Dieser Schritt geschieht zum Teil auch schon in den einzelnen Phasen des Schreibprozesses, wenn zum Beispiel die Weiterentwicklung der Geschichte Änderungen in den vorherigen Textpassagen erfordern. Das gilt auch für die Charaktere, ihr Verhalten und ihre Sprache sowie die Stimmigkeit der Perspektive und ob sie sinnvoll gewählt wurde. Hierbei fallen mir häufig noch Passagen auf, die noch besser ausgearbeitet werden sollten, beispielsweise ein stärkeres Herausheben von Gefühlen, genauere Situationsbeschreibungen.
Danach widme ich mich der sprachlichen Ungereimtheiten, überflüssigem Text und der Füllsel. Davon können einzelne Wörter oder ganze Absätze betroffen sein, manchmal auch die Straffung von Dialogen auf das Wesentliche. Auch wenn ich an einer Passage sehr hänge, weil sie mir an sich gefällt, gilt: Wenn sie den Text nicht von sich aus voran bringt – weg damit. Überflüssige oder unnötig ausgedehnte Stellen kann ich gut lokalisieren, wenn ich mir die Geschichte selbst leise vorlese.
Nun bekommt jemand meinen Text zu lesen. Oft genug gibt es gute Hinweise, die mir auf Grund von Betriebsblindheit bislang nicht aufgefallen sind.

Die erste Veröffentlichung ist immer etwas Besonderes. Wie und wo war deine?

Ich bin schüchtern – zumindest was das Schreiben angeht. Aus diesem Grund brauchte ich sehr lange dafür, aus meiner Deckung zu gehen. Es interessierte mich nicht so sehr, ob Geschichten von mir veröffentlicht werden oder nicht. Ich wollte einfach nur schreiben. Ich war dann schon über 20, als ich auf das Fandom aufmerksam wurde. Hier brachte ich dann auch meine ersten Geschichten unter. Den Anfang machte „Die Spuren im Schnee“ in der Zeitschrift „Fantasia“ des EDFC e.V. (Erster Deutsche Fantasy Club e.V.). Ich freute mich sehr darüber, dass jemandem meine Geschichte gut genug war, sie zu veröffentlichen, zumal ich (noch) kein Mitglied des Vereins war. Schließlich ging ich auf Cons, knüpfte Kontakt mit zwei, drei Herausgebern von Fanzines und bat ihnen einfach meine Geschichten an. Erst mit dem Internet und dem Abo der „Federwelt“ erfuhr ich von weiteren Ausschreibungen. Das ist noch gar nicht so lange her. Ich war da eher ein Spätzünder, aber was soll´s. Auch jetzt noch will ich immer nur schreiben. Über eine Veröffentlichung freue ich mich wie ein Kind auf die Sommerferien.

Inzwischen kann man auch deine Lesungen besuchen. Erzähle uns über deine Erste.

Auch meine erste Lesung ist noch nicht lange her (Über meine Schüchternheit berichtete ich bereits?). Sie fand am 30. März 2005 beim Darmstädter Spät Lese Abend statt, zu dem ich mittlerweile auch regelmäßig zum Zuhören gehe. Zunächst schaute ich mir das Ganze als Gast erst einmal an: Eine gute Hand voll Leute waren das damals, überschaubar also. Ich meldete mich beim Veranstalter zum Lesen an. Und dann kamen immerhin knapp über 20 Leute, bestimmt nicht wegen mir, vielleicht wegen meinem „Kollegen“, mit dem ich mir die Veranstaltung teilte, aber sie waren da. Dass ich schüchtern bin ist bekannt? Ich habe also ein Problem vor einer Meute etwas vorzutragen, Lampenfieber. Aber ich überstand diesen Abend irgendwie. Bei der nächsten Lesung war es einfacher für mich, vielleicht auch, weil ich wusste, gutes Material dabei zu haben.
Die Vorbereitung lief folgendermaßen ab: Da ich als Zuhörer um den Geräuschpegel wusste (Kneipengäste, die nicht zum Publikum gehörten, das ausdauernde Röcheln der Kaffeemaschine, wenn wieder Milch aufgeschäumt wurde etc.) übte ich zuhause lesen und simulierte mit eingeschaltetem Radio Störgeräusche. Natürlich stoppte ich für die Programmplanung die Zeit.

Was war das schwierigste Thema, das du bis jetzt angefasst hast?

Ich habe selten gleich zu Beginn des Schreibprozesses DIE Idee. Manchmal fällt mir zu einem Thema nicht viel ein. Meistens liegt es daran, dass ich wieder versuche, irgendetwas zu konstruieren. Aktuell versuche ich mich an einer Geschichte, zu der ich bereits vier Versionen habe, die mir alle nicht richtig gefallen und bei denen ich kaum weiterkomme. Ich versuchte es schon zwei oder drei Mal mit Clustering, doch das verzögerte die Ideenfindung bislang, denn das System, das dahinter steht, war längst in meinem Kopf abgelaufen. Ich brachte meinen geistigen Müll nur noch zu Papier. Das sind meine persönlichen Erfahrungen. Immerhin ist Clustering eine anerkannte Methode, bei mir hat sie leider noch nicht funktioniert.
Besonders heikle Themen wie Vergewaltigung oder Kinderschändungen ließ ich bislang aus. Ich möchte bei solch heiklen Themen nicht falsch verstanden werden, doch so Mancher bekommt eine bestimmte Formulierung vielleicht in den falschen Hals. Jeder liest einen Text anders. Da kann vieles falsch verstanden werden. Das ist es, was ich befürchte, doch irgendwann werde ich mich auch dem stellen.

Hast du beim Schreiben ein besonderes Ritual?

Es gab eine Zeit, da versuchte ich, Gewohnheiten zu installieren. Es ging damit los, dass ich ausschließlich mit Bleistift schreiben wollte, was ich auch eine ganze Weile durchhielt. Das Übertragen in eine Datei war die erste Überarbeitung, doch das hatte viel Zeit in Anspruch genommen.
Als ich dann so weit war, den Text in einer einigermaßen guten Qualität direkt in Word zu klappern, entfiel diese Zeit raubende Vorarbeit. Somit steht auch fest, wo ich schreibe, nämlich dort, wo der Rechner steht.
Zunächst schrieb ich nach Lust und Laune, doch relativ wenig, denn die Motivation immer konstant zu halten, viel mir schwer. Anschließend bestimmte ich Wochentage, an denen ich auf jeden Fall schreiben wollte, die Pflicht sozusagen. Das hat mehr oder weniger funktioniert.
Mittlerweile gehe ich anders vor. Ich setze mir persönliche Ziele. Um diese zu erreichen, schreibe ich jetzt praktisch wieder, wann ich will. Und das ist ziemlich oft.
Manchmal höre ich Musik beim Schreiben, jedoch darf sie keine festen Pop- Rhythmen haben und keine deutschen Texte, denn das lenkt mich ab. Pink Floyd eignet sich besonders gut oder der Soundtrack zu „Dracula“ aus der Verfilmung von Coppola.

Viele Schriftsteller haben sie. Schreibblockaden. Quälen sie dich auch?

Nein, nur manchmal habe ich Schwierigkeiten mit dem Fortgang einer Geschichte. Ich bin mir nicht sicher, ob die Problematik von Schreibblockaden manchmal nicht zu hoch gehängt wird. Ein Autor, der über eine schwierige Zeit in seinem schriftstellerischen Leben erzählen kann, ist doch interessanter als einer, bei dem alles glatt läuft, nicht wahr? Aber vielleicht denke ich darüber irgendwann einmal anders, nämlich dann, wenn es mich „erwischt“ hat.

Wie stellst du dir deine weitere schriftstellerische Karriere vor?

In erster Linie will ich schreiben. Das mache ich unabhängig davon, wie erfolgreich ich Geschichten unters Volk bringen kann. Schließlich geht es darum, den inneren Trieb zu befriedigen, nicht um Pokale zu sammeln.
Natürlich möchte ich zur persönlichen Bestätigung auch Erfolg haben.
Einen Roman bei einem mittleren oder großen Verlag unterzubringen, das wäre nicht schlecht. Doch ich freue mich auch über jede andere Veröffentlichung.
Ich bin schließlich (noch) kein so großes Schwergewicht unter den Schreiberlingen, da gibt es ganz andere Kaliber, auch unter denen, die noch nicht vom Schreiben leben können.

Vielen Dank für das Gespräch, Michael!
Das Gespräch führte Olga A. Krouk ( www.olgakrouk.de )
Das Interview unterliegt dem Copyright. Die weitere Verbreitung ist nur mit der schriftlichen Zustimmung von Michael Buttler oder Olga A. Krouk erlaubt.
 

 
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